Was ist Bourette-Seide? Alles über KFO Pure Silk
Seide ist Seide – denkst du vielleicht. Aber wer einmal KFO Pure Silk in der Hand gehalten hat und erwartet, dass es sich so anfühlt wie die glatte Filamentseide eines Satinkleids, wird überrascht sein. Pure Silk fühlt sich anders an: etwas matter, mit einer leichten Textur, die Filamentseide nicht hat, und einem Glanz, der subtiler ist – aber irgendwie ehrlicher.
Das liegt an einer Faserart, die außerhalb der Textilbranche kaum jemand kennt: Bourette-Seide. Und dahinter steckt eine Geschichte, die interessanter ist als sie klingt.
Wie entsteht normale Seide?
Um Bourette-Seide zu verstehen, muss man zuerst wissen, wie klassische Filamentseide entsteht.
Der Seidenspinner Bombyx mori produziert einen Kokon aus einem einzigen, kontinuierlichen Proteinfaden – bis zu 1.500 Meter lang. Um diesen Faden zu gewinnen, wird der Kokon in heißes Wasser getaucht (was das Sericinprotein löst, das die Windungen zusammenhält) und der Faden von mehreren Kokons gleichzeitig abgehaspelt und zu einem einzigen Seidenfaden zusammengezwirnt.
Das Ergebnis ist Filamentseide: glatt, gleichmäßig, mit dem charakteristischen Hochglanz, der Seide zur teuersten Naturfaser der Welt gemacht hat. Der Glanz entsteht durch die dreieckige Querschnittsform der Seidenfibroin-Faser – sie reflektiert Licht ähnlich wie ein Prisma.
Was passiert mit den Resten?
Beim Abhaspeln bleiben Reste übrig:
– Kokonenden (der Anfang und das Ende jedes Kokons, die sich nicht glatt abhaspeln lassen)
– Gebrochene Fäden
– Doppelkokons (zwei Spinnmaden in einem Kokon), die nicht sauber abgehaspelt werden können
– Schlupfkokons (aus denen das Tier bereits geschlüpft ist, dabei den Faden zerbrochen hat); diese Variante wird für die Knitting for Olive Pure Silk verwendet
Diese Reste enthalten alle dasselbe Fibroin-Protein wie reguläre Seide – sie sind nicht minderwertig, nur kürzer und unregelmäßiger. Sie werden gesammelt, sortiert, gereinigt, kardiert (gekämmt wie Wolle) und zu einem gesponnenen Garn verarbeitet.
Das Ergebnis ist Bourette-Seide (auch: Schappeseide, Noilseide oder Spinnseide). Der Name kommt vom französischen „bourette" – was grob übersetzt „Flockseide" oder „Abfallseide" bedeutet. Das klingt abwertend, ist aber irreführend: Bourette-Seide ist ein eigenständiges Produkt mit eigenem Charakter, kein minderwertiger Ersatz.
Wie sieht und fühlt sich Bourette-Seide an?
Der Unterschied zu Filamentseide ist deutlich:
Glanz: Bourette-Seide glänzt matt – nicht hochglänzend wie Filament, sondern mit einem zurückhaltenden, natürlichen Schimmer. Das Licht wird streudiffus reflektiert, weil die gesponnenen Fasern unregelmäßiger liegen als bei der gleichmäßigen Filamentstruktur.
Textur: Durch das Kardieren und Spinnen entstehen leichte Noppen und Unregelmäßigkeiten in der Faseroberfläche – ähnlich wie bei einem leicht ungleichmäßigen Wollgarn. Das gibt Bourette-Seide Textur und Charakter, den Filamentseide nicht hat.
Haptik: Etwas griffiger als Filamentseide, weniger glitschig. Beim Stricken liegt Bourette-Seide angenehmer auf der Nadel – der typische Seidenrutsch ist gemäßigter.
Drape: Wie alle Seidengarne hat Bourette-Seide exzellenten Drape – das fertige Stückstück fällt fließend. Aber durch die etwas mehr Körper gebende Faserstruktur ist der Drape weniger extrem als bei reiner Filamentseide.
Warum ist Bourette-Seide nachhaltiger?
Bourette-Seide verwertet Material, das in der klassischen Seidenindustrie als Abfall anfällt – es wird kein neuer Ressourceneinsatz benötigt, keine zusätzliche Spinnraupe. Das macht sie zu einer der ressourceneffizienteren Seidenvarianten.
Seide generell ist umstritten aus Tierschutzsicht – die Larven sterben beim Abhaspeln des Kokons. Bourette-Seide ändert das grundsätzliche Thema nicht, nutzt aber vorhandene Ressourcen vollständiger aus. Wer bewusst mit Naturmaterialien umgeht, für diejenige ist das eine relevante Abwägung.
KFO Pure Silk: Bourette-Seide in Reinform
Knitting for Olive Pure Silk ist ein Fingering-Garn aus 100% Bourette-Seide – keine Mischung, keine Wollanteile, pur. Das macht es in der Strickwelt zu etwas Ungewöhnlichem: Die meisten Seidengarne sind Mischungen. Pure Silk ist das Gegenteil: konzentriert, direkt, unvermischt.
Das Garn kommt in der typischen KFO-Ästhetik: zurückhaltende Farben, keine Überraschungen. Durch den matten Bourette-Charakter wirken die Farben etwas tiefer und natürlicher als bei industriellen Hochglanzgarnen. Ein Camel-Ton in Pure Silk sieht anders aus als in Merino – wärmer, erdiger, reicher.
Lauflänge und Nadelstärke: Da reines Seidengarn keine natürliche Elastizität hat, empfiehlt sich eine etwas engere Maschenprobe als bei Wolle. Auf 2,5–3mm entstehen Stücke mit guter Struktur.
Was kann man mit KFO Pure Silk stricken?
Tücher und Stolas: Das Hauptanwendungsfeld. Ein Tuch aus Pure Silk fällt anders als ein Wolltuch – weicher, fließender, mit mehr Bewegung. Bei Körperwärme nimmt es diese an und fühlt sich angenehm an. Für festliche Anlässe, Sommerveranstaltungen, oder als schlichtes Alltagsstück für Menschen, die Seide lieben.
Schals für warme Tage: Seide ist von Natur aus kühlend – sie nimmt Körperwärme auf und gibt sie langsam wieder ab. Ein leichter Seidenschal ist im Sommer angenehmer als Wolle.
Accessories und Details: Bordüren, Kragen, Manchetten an Wollpullovern. Der Glanzunterschied zwischen Wolle und Pure Silk setzt gezielte Akzente.
Kombinationsprojekte: Pure Silk als Begleiter zu Merino oder Alpaka – die Seide gibt dem Mischstück Drape und Glanz, die Wolle gibt Wärme und Struktur.
Nicht geeignet: Socken (keine Elastizität, kein Nylon-Anteil), schwere strukturierte Pullover mit viel Eigengewicht (Seidenstücke können sich längen).
Pflege von KFO Pure Silk
Seide ist empfindlich. Die wichtigsten Punkte:
Temperatur: Handwäsche bei maximal 30°C, lauwarm. Heißes Wasser zerstört die Eiweißstruktur der Seide irreversibel.
Waschmittel: Nur mildes Wollwaschmittel oder Shampoo. Kein normales Vollwaschmittel, keine Enzymreiniger.
Trocknen: Flach auf einem Handtuch. Nie in die Sonne – UV-Strahlung lässt Seide langfristig verblassen und an Festigkeit verlieren. Nie in den Trockner.
Bügeln: Wenn überhaupt auf niedrigster Stufe (Seidenprogramm), niemals direkt auf den Stoff.
Bourette-Seide vs. Filamentseide vs. Seide als Mischgarn: Ein Überblick
Filamentseide: Hochglanz, glatt, teuer, weniger häufig in Strickgarnen. Eher in gewebten Textilien.
Bourette-Seide (KFO Pure Silk): Matt-schimmernd, texturiert, ressourceneffizienter, mit eigenem Charakter. Das Ehrlichere der beiden.
Seide als Mischgarn (z.B. Manos del Uruguay Fino, 30% Seide | Fyberspates Cumulus, 20% Seide): Die häufigste Variante im Stricken. Seide als Ergänzung zu Merino oder Alpaka – bringt Glanz und Drape, die Wolle bringt Wärme und Struktur. Für die meisten Projekte die praktischste Variante.
Alle drei haben ihre Berechtigung. Wer Seide verstehen will, fängt mit Bourette-Seide an – sie zeigt, was die Faser wirklich kann, ohne dass andere Fasern den Eindruck trüben.



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