Warum jeder Strang anders aussieht, warum das kein Fehler ist, und wie du das Beste aus handgefärbtem Garn herausholst.
Der eine Strang ist dunkler als der andere – ist das normal?
Ja. Und nicht nur normal, sondern unvermeidlich. Wenn du zwei Stränge derselben Farbe nebeneinander legst und sie sehen identisch aus, hältst du wahrscheinlich kein handgefärbtes Garn in den Händen.
Handgefärbte Wolle wird – wie der Name sagt – von Hand gefärbt. Keine Maschine mischt die Farben, keine Maschine verteilt sie gleichmäßig auf den Strang. Ein Mensch tut das, mit Erfahrung, Sorgfalt und einem Gespür für Farbe. Aber auch die erfahrenste Färberin kann nicht garantieren, dass zwei Stränge aus demselben Färbebad exakt identisch werden. Die Wolle nimmt die Farbe je nach Faserstruktur, Temperatur und Einwirkzeit unterschiedlich auf. Und genau das macht handgefärbtes Garn so lebendig.
Bei Marken wie Madelinetosh, La Bien Aimée oder Atelier Franziska Uhl ist das kein Qualitätsmangel – es ist das Qualitätsmerkmal. Die leichten Variationen zwischen Strängen geben dem fertigen Strickstück eine Tiefe und Lebendigkeit, die industriell gefärbtes Garn nie erreichen kann.
Was passiert beim Handfärben eigentlich?
Es gibt verschiedene Techniken, aber die grundlegende Idee ist dieselbe: Naturfasern (meist Merinowolle) werden in einem Färbebad oder durch direktes Auftragen mit Farbstoffen behandelt. Die wichtigsten Verfahren:
Kettle Dyeing (Kesselfärbung)
Der gesamte Strang wird in einem großen Kessel mit Farbstoff gefärbt. Das Ergebnis sind Semi-Solids – Farben, die auf den ersten Blick einfarbig wirken, aber beim Stricken feine Nuancen und leichte Schattierungen zeigen. Viele handgefärbte Garne in unserem Sortiment werden so hergestellt.
Hand-Painting
Farbe wird direkt auf den ausgelegten Strang aufgetragen – mit Spritzen, Schwämmen oder Pinseln. So entstehen Variegated-Garne mit deutlichen Farbwechseln und die beliebten Speckle-Effekte (feine Farbspritzer auf einem Grundton). La Bien Aimée ist eine Meisterin dieser Technik und auch einige Färbungen aus dem Atelier Franziska Uhl werden auf diese Weise absolut bezaubernd hergestellt.
Glazing (Lasur-Technik)
Das aufwändigste Verfahren: Mehrere Farbschichten werden nacheinander aufgetragen, wie Lasuren in der Ölmalerei. Jede Schicht fügt Tiefe und Komplexität hinzu. Mit dieser Technik gefärbte Stränge haben eine dreidimensionale Qualität, die man im Licht von allen Seiten anders wahrnimmt.
Pooling und Flashing: Wenn Farbe sich seltsam verhält
Du strickst ein Tuch mit einem wunderschönen Variegated-Garn und plötzlich bilden sich ungewollte Farbflecken oder diagonale Streifen im Gestrick? Das ist Pooling – und es passiert, wenn die Farbabschnitte auf dem Strang zufällig so mit deiner Maschenanzahl zusammenfallen, dass sich gleiche Farben an bestimmten Stellen sammeln.
Pooling ist kein Defekt des Garns. Es ist Mathematik: Die Länge der Farbrepeats im Strang trifft auf die Breite deines Projekts und erzeugt Muster. Manchmal schöne (Planned Pooling ist eine eigene Kunstform!), manchmal unerwünschte.
So vermeidest du ungewolltes Pooling
Maschenanzahl ändern: Schon 2–3 Maschen mehr oder weniger können den Effekt brechen. Das ist natürlich bei einem Kleidungsstück schwierig, aber bei Tüchern oft möglich.
Nadelstärke anpassen: Eine halbe Nadelstärke hoch oder runter verändert die Maschenweite und damit die Verteilung der Farbe.
Zwei Stränge alternieren: Die effektivste Methode (siehe nächster Abschnitt).
Alternieren: Die wichtigste Technik für handgefärbte Wolle
Wenn dein Projekt mehr als einen Strang benötigt, ist Alternieren nicht optional – es ist Pflicht. Die Technik ist simpel: Du strickst zwei Reihen (oder Runden) mit Strang A, dann zwei mit Strang B, dann wieder zwei mit A, und so weiter.
Warum? Weil zwei Stränge derselben Farbe nie identisch sind. Wenn du Strang A fertig verstrickst und dann mit Strang B weitermachst, siehst du eine sichtbare Farbgrenze im Gestrick – manchmal subtil, manchmal dramatisch. Durch das Alternieren mischst du die beiden Stränge so, dass die Farbunterschiede unsichtbar werden.
Alternieren in der Praxis
Bei Hin- und Rück-Reihen: 2 Reihen mit Strang A stricken, Faden locker an der Seite hängen lassen, 2 Reihen mit Strang B stricken. Beim nächsten Wechsel den Faden nicht zu fest anziehen.
Bei Rundstricken: Gleiche Logik, aber du musst den Jog (die kleine Stufe beim Rundenwechsel) beachten. Es hilft, die Stränge an verschiedenen Stellen der Runde zu wechseln.
Wie viele Stränge? Ab 2 Strängen immer alternieren. Bei 3+ Strängen reicht es, jeweils 2 zu alternieren und beim Wechsel zum nächsten Strang ebenfalls 2 Reihen abzuwechseln.
Pflege: So bleiben die Farben lebendig
Handgefärbte Garne verdienen Handwäsche – auch wenn sie als Superwash deklariert sind. Die Farbstoffe sind zwar lichtecht und waschfest, aber aggressive Waschmittel und hohe Temperaturen können die Farbintensität über Zeit reduzieren.
Verwende ein mildes Wollwaschmittel (z.B. Eucalan, das nicht ausgespült werden muss), lauwarmes Wasser, und lege das Strickstück flach zum Trocknen. Vermeide direktes Sonnenlicht beim Trocknen – UV-Strahlung kann Farben langfristig ausbleichen.
Für wen ist handgefärbte Wolle?
Handgefärbtes Garn ist nicht für jedes Projekt die richtige Wahl. Für großflächige, einfarbige Strickstücke, bei denen absolute Farbgleichmäßigkeit wichtig ist (z.B. einen klassischen Businesspullover), kann industriell gefärbtes Garn tatsächlich die bessere Wahl sein.
Handgefärbtes Garn lebt hingegen dort auf, wo Farbe Raum bekommt: in Tüchern, Schals, Socken mit Farbverlauf, in Fading-Projekten (wo mehrere Farben ineinander übergehen), in Einzel-Strang-Projekten wie Mützen, und in allem, wo du etwas wirklich Einzigartiges schaffen willst.
Es ist auch ein anderes Strick-Erlebnis. Jeder Strang ist ein Unikat, und das Stricken damit hat etwas Meditatives – du weißt nie genau, wie sich die Farbe im Gestrick verteilen wird. Manche Strickerinnen lieben genau diese Ungewissheit. Andere bevorzugen die Planbarkeit konventioneller Garne. Beides ist völlig in Ordnung.
Unsere handgefärbten Marken bei Bonifaktur
Wir kuratieren handgefärbte Garne von Färberinnen, die wir persönlich schätzen und deren Arbeit wir mit gutem Gewissen empfehlen können:
Madelinetosh (Texas, USA) – Das Glazing-Verfahren erzeugt Farben mit einer Tiefe, die man sehen und fühlen kann. Über 180 Farben in der Tosh Merino Light.
La Bien Aimée (Paris, Frankreich) – Raffinierte, vielschichtige Farben mit französischem Flair. Die Merino Singles sind ein Traum für Tücher und besondere Projekte.
Atelier Franziska Uhl (Deutschland) – Exklusiv-Färbungen für Bonifaktur, inspiriert von Reisen. Die Kollektionen „September in Istrien", „Bretagne Côtes-d'Amor" und "Cirque du Soleil" erzählen Geschichten in Farbe.
Life in the Long Grass, Positive Ease, WalkCollection, und weitere Färberinnen findest du in unserer Kollektion handgefärbter Garne.
Häufige Fragen
Ist es normal, dass zwei Stränge derselben Farbe unterschiedlich aussehen?
Ja, absolut. Jeder Strang handgefärbter Wolle ist ein Unikat. Leichte Farbunterschiede zwischen Strängen sind ein Merkmal, kein Mangel. Durch Alternieren (alle 2 Reihen den Strang wechseln) werden die Unterschiede im fertigen Strickstück unsichtbar.
Was ist Pooling und wie vermeide ich es?
Pooling entsteht, wenn Farbabschnitte eines Variegated-Garns sich im Gestrick an bestimmten Stellen sammeln und ungewollte Flecken oder Streifen bilden. Abhilfe: Maschenanzahl leicht ändern, Nadelstärke anpassen, oder zwei Stränge alternieren.
Muss ich handgefärbte Wolle per Hand waschen?
Wir empfehlen Handwäsche auch bei Superwash-Garnen, um die Farbintensität langfristig zu erhalten. Mildes Wollwaschmittel, lauwarmes Wasser, flach trocknen, kein direktes Sonnenlicht.
Wofür eignet sich handgefärbte Wolle am besten?
Tücher, Schals, Socken, Fading-Projekte und Mützen – alles, wo Farbe Raum bekommt und das Garn seine Einzigartigkeit zeigen kann. Weniger geeignet für großflächige einfarbige Projekte, bei denen absolute Farbgleichmäßigkeit wichtig ist.



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