Es gibt Garne, die man kennt, bevor man anfängt zu stricken. Léttlopi ist eines davon. Der typische Lopapeysa – rund gestrickt, mit einem breiten Joch aus Farbmotiven, direkt auf der Haut getragen – ist so ikonisch, dass er längst mehr ist als isländische Folklore. Er ist eine lebendige Stricktradition, die weltweit gestrickt wird: in Island selbst, in Skandinavien, in Japan, in Brooklyn und in München.
Aber was steckt hinter diesem Garn? Was ist isländische Wolle, warum verhält sie sich anders als jede andere Wolle, und was muss man wissen, wenn man einen Lopapeysa stricken möchte? Dieser Artikel gibt Antworten auf alle diese Fragen – von der Genetik der isländischen Schafe bis zu praktischen Stricktipps.
Die isländischen Schafe: Tausend Jahre Isolation
Isländische Schafe sind genetisch fast einzigartig. Als die Wikinger im 9. Jahrhundert Island besiedelten, brachten sie ihre Schafe mit – und seitdem wurde die Rasse nicht mit anderen Schafrassen gekreuzt. Keine Merino-Einkreuzung. Keine Cheviot-Einkreuzung. Isländische Schafe sind über tausend Jahre lang isoliert geblieben, haben sich unter extremen Bedingungen entwickelt – Vulkane, Geysire, arktische Winter – und dabei eine Wolle entwickelt, die in der Textilindustrie einzigartig ist.
Das Fleece des isländischen Schafs besteht aus zwei klar unterscheidbaren Schichten:
Tog (die äußere Schicht): Längere, etwas gröbere Fasern. Sie sind wasserabweisend und fungieren als natürlicher Schutzmantel. Tog-Fasern haben eine hohe Reißfestigkeit und geben der Wolle ihre Langlebigkeit.
Þel (die innere Schicht, ausgesprochen etwa „Thel"): Feine, kurze Fasern, die eng am Körper des Schafes liegen. Diese Schicht ist isolierend, weich und fühlt sich auf der Haut angenehm an. Sie ist das natürliche Unterfutter des Tieres.
Wenn beide Schichten zusammen versponnen werden – und genau das ist Lopi – entsteht ein Garn mit einer Charakteristik, die kein anderes Garn reproduzieren kann: leicht, außergewöhnlich warm für sein Gewicht, mit einem feinen natürlichen Halo, und einer leichten Griffigkeit, die Maschen sicher auf der Nadel hält. Islandwolle ist nicht das weichste Garn der Welt – aber sie ist das wärmste (Woll-)Garn für ihr Gewicht, und das Einzige, das sich so anfühlt wie Lopi.
Was ist der Lopapeysa?
Der Lopapeysa – isländisch für „Lopajacke" – ist mehr als ein Pullover. Er ist ein Designprinzip.
Die Geschichte beginnt in den 1950er Jahren. Isländische Frauen entdeckten die runde Pulloverkonstruktion der südamerikanischen Bauernhemden und begannen, das Prinzip mit isländischen Farbmotiven zu verbinden. (Es gibt auch Grund zur Annahme, dass das Design des Rundjochs stark vom grönländischen Perlenkragen (Nuilarmiut) der Inuit-Frauen inspiriert wurde). Das Ergebnis: ein rund gestrickter Pullover mit charakteristischem Rundjoch, in das Farbmotive eingestrickt sind – geometrische Muster, Schneeflocken, stilisierte Tiere, traditionelle isländische Ornamente.
Das Rundjoch ist der Schlüssel: Der Pullover wird von unten nach oben (Bottom Up) im Rund gestrickt, ohne Nähte. Kurz vor dem Halsausschnitt werden die Jochmaschen durch gleichmäßige Abnahmen reduziert, während gleichzeitig das Farbmuster eingearbeitet wird. Das Ergebnis ist ein natürlich geformter, nahtloser Schulter-Hals-Bereich, der dem Pullover seine charakteristische Silhouette gibt.
Der klassische Lopapeysa ist dabei groß geschnitten – Oversized, breit, warm. Er war ursprünglich Arbeitskleidung für Fischer und Bauern, die im isländischen Winter arbeiten mussten. Heute ist er Modefavorit, Strickobjekt und Kulturgut zugleich.
Istex: Die Genossenschaft hinter Lopi
Istex ist die isländische Textilgenossenschaft, die Lopi-Garne produziert. Gegründet 1977 als Zusammenschluss isländischer Schafzüchter und Textilfirmen, ist Istex heute der wichtigste Verarbeiter isländischer Wolle. Die Garne werden in Island gesponnen – von der Rohwolle bis zum fertigen Knäuel findet die gesamte Produktion auf der Insel statt.
Diese kurze Produktionskette hat einen direkten Qualitätsvorteil: Die Wolle wird nach der Schur verarbeitet, ohne lange Transportwege. Das minimiert Qualitätsverluste und sichert die Rückverfolgbarkeit vom Schaf bis zum Knäuel.
Bei BONIFAKTUR führen wir zwei Istex-Garne:
Léttlopi – das Herzstück des Lopapeysa
Léttlopi (ausgesprochen „Lettlopi", isländisch für „leichtes Lopi") ist das meistverwendete Garn für Lopapeysa-Pullover. Es ist ein Aran-Gewicht mit einer Lauflänge von ca. 100m/50g und wird auf Nadelstärke 4–6mm gestrickt.
Das Besondere: Léttlopi ist ein Singles-Garn – nicht verzwirnt, sondern als einzelner gesponnener Faden verarbeitet. Das macht es außergewöhnlich leicht für seine Wärme. Ein Lopapeysa in Léttlopi ist überraschend wenig schwer, obwohl er einen Winterpullover problemlos ersetzt.
Die Farbpalette von Léttlopi umfasst Naturfarben (ungebleichtes Weiß, Grau, Braun, Schwarz – direkt von verschiedenen Schafrassen), sowie eine breite Auswahl an klassischen und modernen Tönen für die Farbarbeit im Joch. Das Farbwork in einem Lopapeysa lebt oft von der Kombination eines Naturtons mit ein bis zwei anderen Farben – die Motive wirken so wie historische isländische Textilien.
Léttlopi-Eigenschaften zusammengefasst:
– Gewicht: Aran (ca. 100m/50g) – Nadelstärke: 4–5mm – Zusammensetzung: 100% isländische Wolle (Tog + Þel) – Pflege: Handwäsche, max. 30°C, flach trocknen – Nicht superwash
Einband – das feine Geschwister
Einband (isländisch für „ein Band") ist das deutlich feinere Lopi-Garn. Mit ca. 250m/50g liegt es im Lace bis Light-Fingering-Bereich – auf Nadelstärke 2–3mm gestrickt.
Einband wird für zwei verschiedene Verwendungen genutzt:
Eigenständig auf feinen Nadeln: Für zarte Tücher, Mützen im nordischen Stil und leichte Kleidungsstücke. Das Ergebnis ist ein feines, leichtes Stück mit dem unverkennbaren isländischen Charakter.
Doppelt geführt (zwei Fäden zusammen): Zwei Fäden Einband zusammen gestrickt entsprechen ungefähr einem Faden Léttlopi – und ermöglichen subtilere Farbverläufe oder das Mischen zweier Farben im Joch. Diese Technik ist bei erfahrenen Lopapeysa-Strickerinnen sehr beliebt, um weichere Farbübergänge im Muster zu erreichen.
Warum ist Lopi nicht superwash – und warum ist das gut?
Islandwolle ist bewusst nicht superwash-behandelt. Bei der Superwash-Behandlung werden die natürlichen Schuppen der Wollfiber entweder chemisch geglättet oder entfernt, um Verfilzen zu verhindern. Das macht Garne maschinenwaschbar – aber verändert auch die Haptik und die Eigenschaften der Wolle.
Bei Lopi ist die natürliche Schuppenstruktur vollständig erhalten. Das hat mehrere Auswirkungen:
Die Griffigkeit: Diese leichte Rauheit, die Lopi von Merinogarn unterscheidet, ist keine Schwäche. Sie ist der Grund, warum Farbmuster in Stranded Colorwork so klar sitzen – die Fasern haften minimal aneinander, die Maschen rücken nicht nach. Wer schon mit stark gefetteten oder glatten Garnen Farbwork gestrickt hat, versteht den Unterschied sofort.
Die Isolation: Die unbehandelte Schuppenstruktur trägt zur außergewöhnlichen Wärmeleistung von Islandwolle bei. Die Fasern können Luft besser einschließen als superwash-behandelte Garne.
Die Pflege: Handwäsche oder zartes Wollprogramm bei max. 30°C, kein Schleudern, flach trocknen. Ein frisch gewaschener Lopapeysa kann sich nach dem Trocknen leicht gesetzt haben und weicher wirken als vorher – das ist normal und kein Qualitätsverlust. Viele Strickerinnen berichten, dass ihr Lopapeysa nach der ersten Wäsche angenehmer zu tragen ist.
Das Stricken eines Lopapeysa: Was du wissen solltest
Maschenprobe ist unverzichtbar: Islandwolle hat eine spezifische Dichte. Ein Léttlopi-Pullover, der um nur eine Maschenprobe-Einheit daneben liegt, kann am Ende deutlich zu groß oder zu klein sein. Strick immer eine 15x15cm-Maschenprobe, wasch sie, und messe nach dem Trocknen.
Top-down oder Bottom-up: Traditionelle Lopapeysa-Anleitungen werden oft von unten nach oben gestrickt – Körper und Ärmel getrennt, dann zusammengefügt, Joch von unten nach oben. Viele moderne Anleitungen sind top-down (von oben nach unten) – der Unterschied liegt weniger im Ergebnis als im Strickfluss.
Stranded Colorwork im Joch: Beim Farbwork-Abschnitt trägst du zwei Farben gleichzeitig. Die zweite Farbe wird dabei über die Rückseite des Stücks geführt (float). Diese Floats sollten nicht zu lang sein – spätestens alle 5 Maschen sollte die ruhende Farbe eingestrickt werden, um Spannung zu vermeiden.
Farbwahl: Klassische Lopapeysa-Farbgebung arbeitet mit einem Naturton (Naturweiß, Grau, Schwarz) als Hintergrund und ein bis zwei Kontrastfarben im Joch. Weniger ist oft mehr – die klaren Motive wirken in drei Farben stärker als in fünf.
Fadenenden: Beim Farbwork entstehen viele Faden-Enden, die eingearbeitet werden müssen. Plane dafür nach dem Stricken Zeit ein. Eine stumpfe Wollnadel und Geduld – das ist alles, was du brauchst.
Islandwolle für Nicht-Lopapeysa-Projekte
Léttlopi und Einband funktionieren natürlich auch außerhalb des klassischen Lopapeysa:
Mützen: Eine klassische isländische Mütze mit Farbmotiven in Léttlopi ist ein perfektes Wochenendprojekt. Die Kälte des isländischen Winters braucht Wolle mit echtem Charakter.
Decken und Wurftücher: Léttlopi auf etwas größeren Nadeln ergibt ein lockeres, leichtes Gewebe, das als Decke überraschend warm ist – durch die isolierenden Eigenschaften der Islandwolle.
Socken und Fäustlinge: Einband auf feinen Nadeln ist für traditionelle isländische Socken und Fäustlinge mit Lopi-Mustern das richtige Gewicht.
Kinderkleidung: Kinderanleitung für Lopapeysa-Jacken in Léttlopi sind schnell gestrickt (durch das DK-Gewicht) und produzieren Stücke, die robust genug für echten Kindereinsatz sind.
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